DIE WORK-LIFE-WIPPE

„Du hast eine richtig gute work-life-Balance“. Es ist interessant, wie selten die Aussage getroffen wird, wenn sie überhaupt getroffen wird und dann auch einen persönlich betrifft. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es schwierig bis unmöglich ist, die Balance aufrechtzuerhalten. Obwohl die Notwendigkeit eines Ausgleichs von der Arbeit und vielleicht sogar von der Freizeit begründbar ist, ist es durch die subjektiven Definitionen von „work“ und „life“ schwierig, verallgemeinerte work-life-Balance Konzepte zu finden. Da die Arbeit ein Teilaspekt des Lebens ist, bietet sich die Unterscheidung in „Arbeit“ und „Freizeit“ an. Die Differenzierung der Begriffe ist die Voraussetzung für ein Gleichgewicht der Lebensbereiche. Zu „Arbeit“ werden meistens die Aspekte gezählt, die einem von einer anderen Partei vorgeschrieben wer-den und das Gefühl suggerieren als seien die Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt. Die Tätigkeiten erwecken schon im Vorhinein eine Antriebslosigkeit, die sich aber bei der eigentli-chen Konfrontation der Arbeit legen kann. Dazu zählt das negative Gefühl beim Weckerklingeln vor Kurs – oder Schichtbeginn sowie das positive Gefühl bei einem spontanen früheren Feierabend.

Dagegen unterscheidet sich die Stimmung, wenn plötzlich ein Freund das Treffen früher beendet. Das Zeitgefühl schwindet in der Freizeit vergleichsweise schneller, da dazu geneigt wird, die privaten Stunden mit aktuellen Bedürfnissen zu erfüllen, die folglich genossen werden. Eine Ablenkung ist in dieser Zeit nicht so willkommen wie eine Ablenkung von der Arbeit, vor allem da für Freizeit ein eigener Raum geschaffen werden muss, während Arbeitszeit oft geplant wird.

Fraglich ist, wie sich Hausarbeit einordnen lässt. Natürlich taucht das Wort „Arbeit“ auf, aber auch das Wort „Haus“, welches fast als Synonym für Privatsphäre angesehen werden kann. Wenn beispielsweise gekocht wird anstatt im Restaurant essen zu gehen, kann dies zur Freizeit gezählt werden, da bei den zwei Handlungsmöglichkeiten sich für die am persönlich ansprechendste entschieden wird. Beeinflussen jedoch andere Faktoren wie Geldmangel oder Erfüllung der Vorlieben anderer die Entschei-dung, so wird der Betroffene kochen eher als Arbeit ansehen. Es könnte nun argumentiert werden, dass essen lebensnotwendig ist und keine Handlungsfreiheit vorliegt, aber dann wäre auch atmen Arbeit. Außerdem sind die Motive und Handlungsmöglichkeiten, die eine Differenzierung erleichtern, subjektiv.

Nun stellt sich die Frage, wie das Verhältnis von „work“ und „life“ optimiert werden kann. Balance steht für ein Gleichgewicht, 50/50, genau gleich. Gleichheit im Leben zu finden ist unmöglich. Ähnlichkeiten existieren zwar öfter als wir es wahrhaben möchten, aber nicht hundertprozentige Übereinstimmung. Folglich steht Balance nicht für Gleichheit. Balancieren bedeutet manchmal ein bisschen zu sehr auf die eine und dann wieder auf die andere Seite zu kippen. Balancieren bedeutet sich bewusst dafür zu ent-scheiden nicht runterzufallen und den ganzen Körper sowie die Konzentration auf dieses Ziel einzustel-len. Im Endeffekt muss immer eine Entscheidung getroffen werden: Freizeit oder Arbeit. Aber die Besonderheit ist, dass diese Ent-scheidung weder einmalig noch irreversibel ist. Die Entscheidung wird bei jedem Schritt des Balancierens getroffen.

Das Schicksal auszutricksen und ein bisschen von jedem Lebensbereich zu erfüllen, hat zur Folge, dass in keinem Lebensbereich der maximale Erfolg eintritt wie zum Beispiel beruflich aufzusteigen oder private Kontakte zu pflegen. Auch wenn in den einzelnen Bereichen kein maximaler Erfolg erreicht werden kann, so wäre das jedoch insgesamt möglich. Es ist eine einfache Rechnung: 100% Erfolg „work“ + 0% Erfolg „life“ = 100% Erfolg „work“. 45% Erfolg „work“ + 65% Erfolg „life“ = 100% Erfolg „work“ / „life“. Die investierte Zeit und das Resultat ist dasselbe, nur die Lebensbereiche, in denen der Erfolg erzielt wird, nicht. Erfolg beinhaltet jedoch die Investition von Zeit. Aber ab wie viel Stunden, Minuten, Sekunden wird die Investition vorteilhaft? Wenn es nach der neuen work-life-sleep-Balance geht, müsste die Zeitverteilung acht Stunden Arbeit, acht Stunden Freizeit und acht Stunden Schlaf sein. Problematisch ist, dass sich allein der Schlafrhythmus der einzelnen Menschen unterscheidet. Es ist also nicht ver-wunderlich, dass keiner diesem Konzept folgt. Das ist sogar positiv.

Ich denke, die work-life-Balance lässt sich gut anhand einer Wippe erklären: Die Person drückt im natürlichen Zustand durch das Eigengewicht die Wippe und sich selbst herunter. Das ist der „life“ – Zustand. Soziale Kontakte sind nämlich langfristig eher unvermeidbar als arbeitsbezogene Aufgaben. Folglich verhindert ihr „Gewicht“, dass eine Person sich den Balancestatus selbst aussuchen kann, aber ermöglicht eine Form der Festigkeit im Leben. Sich in den oberen Bereich zu bewegen, erfordert das Abdrücken vom Boden, Anstrengung im Sinne von Arbeits-motivation. Auf der anderen Seite der Wippe sitz ein Freund, Kollege, Bekannter, Fremder, der sich im anderen Lebensbereich befindet. Ein einfaches Beispiel ist die Schichtablösung oder der Kellner im Urlaub. Durch unsere Arbeit haben andere Freizeit und durch unsere Freizeit müssen andere arbeiten. Es ist also eine Wippe mit mehreren Abzweigungen und Betroffenen. Ein komplexes Netzwerk, das eine gegenseitige Verbindung unvermeidbar macht. Deshalb können wir nicht im Moment, im „work“ oder „life“, verharren. Die Bewegung, die Abwechslung, die nicht vorhandene Balance entspricht einer ungeplanten Perfektion. Schließlich könnte versucht werden das Gewicht so abzustimmen, dass sich die Wippe nicht bewegt, aber würde das nicht viel mehr Anstrengung erfordern?

Es ist also absolut normal keine work-life-Balance zu haben. Schließlich werden einige Personen immer Freizeitaktivitäten der Arbeit vorziehen während andere für die Arbeit private Veranstaltungen absagen. Aber natürlich hat jeder Bereich beziehungsweise Mensch seine Grenze, dessen Überschreitung die eigene Lebensqualität mindert. Allgemein ist die Entscheidung in welchem Bereich oder welchen Bereichen wie viel Erfolg erzielt werden soll, eine sehr persönliche und wichtige. Aber jedes „work“ – Ende mündet im „life“ – Anfang und nach jedem „life“ – Ende beginnt ein „work“ – Anfang. Wir be-finden uns in einem Kreislauf, welches darauf schließen lässt, dass es unvermeidbar ist, sich irgendwann im anderen Bereich zu befinden. Ideal wäre es, wenn Arbeitgeber Maßnahmen ergrei-fen würden, um „life“ auf Arbeit einzubinden, da eine perfekte Balance nicht möglich ist.

Aber selbst wenn wir die Balance erreichen könnten, würden wir sie nicht wollen, da wir gerne auf der Wippe sitzen. Uns gerne bewegen. Die work-life-Wippe und ihre Macht sollten wir nicht unterschätzen. Trotzdem ist es nur eine Wippe. Eine Wippe, die entstanden ist, um das Leben vollkommener zu machen. Je stärker wir wippen, umso aufregender ist es und so lange wir nicht runterfallen, dürfen wir das Tempo selbst bestimmen und genießen.

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