8. April 2026

Blog: Fachkräfte für den Krieg

Die Autorin stellt fest, dass ihre Hochschule eine Kooperation mit Deutschlands größtem
Waffenhersteller pflegt, dass dieser einen neuen Standort mitten in Berlin eröffnet hat –
und dass der große Aufschrei darüber ausbleibt. Ein Artikel über die Normalisierung der
Waffenproduktion mitten in Berlin und die Verantwortung von Hochschulen und Uni-
versitäten.

Berlin. Neulich bin ich mit meinen Freunden im Humboldthain feiern gegangen. Auf dem Weg
zum Club kommen wir an einem Gebäude vorbei, das als einziges zu der Uhrzeit noch hell
erleuchtet war. Es zieht uns auch wegen seiner außergewöhnlichen Form in seinen Bann: Wel-
lenförmige Buckel ragen wie Reptilienpanzer aus der Erde, umzäunt von hohem Stacheldraht.
Ich bin neugierig geworden, öffne Google Maps, zoome heran und lese ungläubig: „Rheinme-
tall Waffe und Munition“.

Vor acht Jahren musste man noch bis nach Unterlüß in Niedersachsen fahren, um gegen den
Waffenhersteller zu demonstrieren. Dem Unternehmen wurde damals vorgeworfen, durch Waf-
fenlieferungen an die türkische Regierung zu Menschenrechtsverletzungen gegen Kurd*innen
beigetragen zu haben. In Afrin, im Nordwesten Syriens, wurden die von Rheinmetall herge-
stellten Leopard 2 Panzer gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt (Tagesspiegel, 2018).
Seit Anfang dieses Jahres traut sich Deutschlands größter Hersteller für Waffen wie Panzer,
Granatwerfer und Munition, nun auch bis ins Herz von Berlin. Bei den darauffolgenden Re-
cherchen finde ich heraus, dass meine Hochschule, die Hochschule für Wirtschaft und Recht
Berlin (HWR), für Rheinmetall die Fachkräfte liefert. Sie kooperiert unter anderem im Rahmen
eines dualen Studiums mit dem Unternehmen.

Nachhaltigkeit, Demokratie – und Waffenproduktion?

An meinem ersten Tag an der HWR werden wir neuen Studis am Campus Lichtenberg begrüßt. Eine Rede bleibt mir im Kopf. Wir, die am Fachbereich 5 Studiengänge wie öffentliche Verwaltung, Management oder Maschinenbau belegen, werden dazu aufgerufen, uns unserer Verantwortung bewusst zu sein und unsere Handlungen stets kritisch zu hinterfragen, und werden auch an die gewaltvolle Vergangenheit unserer Campusgebäude erinnert.

Tatsächlich ist die HWR unausweichlich mit der deutschen Geschichte verwoben. Während der Campus Schöneberg ab 1939 als Sitz für NS-Organisationen und der Abteilung für das Kriegsgefangenenwesen des Oberkommandos der Wehrmacht diente, wurden die Gebäude des Campus Lichtenberg für die Berliner Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR gebaut.

Sie erinnern auch heute noch an die Verantwortung, die wir tragen. Denn wir Studierende an der HWR könnten eines Tages Führungspositionen besetzen und gleichzeitig weit entfernt sein von den Orten, wo unsere Entscheidungen Wirklichkeit werden. Verantwortung möchte die HWR gerne großschreiben. Tatsächlich setzt sich die Hochschule im Rahmen von verschiedenen Gremien, Themenjahren und Veranstaltungen unter anderem für Vielfalt, Demokratie und Nachhaltigkeit ein und möchte soziale und ökologische Transformationsprozesse begleiten.

Passt in dieses Bild eine Kooperation mit einem Unternehmen, dem Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden? Einem Unternehmen, das zurzeit an Technik wie dem „Mission Master“ forscht, ein Roboter, der automatisiert töten kann? (Forschung wie diese wirft tiefe ethische Konflikte auf, da der Tötungsbefehl von einem Algorithmus ausgelöst werden würde, siehe Bericht vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz: https://www.icrc.org/en/law-and-policy/autonomous-weapons)

Globale Konsequenzen

Deutschland wendet 15,75 % des gesamten Bundeshaushaltes für Aufrüstung und Verteidigung
auf. Gleichzeitig wurden die Ausgaben für humanitäre Hilfe im letzten Jahr um mehr als die
Hälfte reduziert und machen zusammen mit den Ausgaben für Friedensförderung und Krisen-
prävention 0,28 % des gesamten Budgets aus (VENRO, 2026).
Gegenüber dieser Entwicklung spüre ich im Moment vor allem eins: nicht viel. Gelegentlich
verhaltene Reaktionen, aber selten eine Ablehnung von Waffenlieferungen und Aufrüstung an
sich. Das seien doch höchstens schrullige Gestalten der 68er-Bewegung, die heute noch nach
Abrüstung rufen, höre ich.
Der Pazifismus wird als realitätsfern und sogar grausam gelabelt und spätestens seit dem An-
griffskrieg auf die Ukraine sind einige seiner Ideen zurecht in den Verruf geraten. Tatsächlich
müssen die moralischen Dilemmata des Pazifismus ernst genommen werden: Wie darf oder
muss sich die internationale Gemeinschaft verhalten, wenn ein Staat Völkermord oder
schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit an der eigenen Bevölkerung begeht oder einen
anderen angreift?
Als Antwort auf diese Fragen etablierte sich das völkerrechtliche Prinzip der „Responsibility to
Protect“ (Schutzverantwortung), das besagt, dass in extremen Ausnahmesituationen militäri-
sche Gewalt als letztes Mittel („Ultima Ratio“) gerechtfertigt sein kann. In der Realität erweist
sich die Umsetzung dieses Grundsatzes jedoch als extrem komplex und wird auch dafür genutzt,
militärische Interventionen zu rechtfertigen, die sicherlich nicht zu mehr Demokratie und Frie-
den führen, sondern der Durchsetzung eigener Interessen dienen.
Genau deswegen sind pazifistische Ansätze so relevant. Sie sind aus der Sicht der Friedens-
und Konfliktforschung nicht grundsätzlich naiv, sondern strategische Entscheidungen, die zu
einem nachhaltigeren Frieden führen können.
Forschungsinstitute wie das BICC (2026) berichten regelmäßig, dass zivile Konfliktbearbei-
tung wie Mediation und zivile Beobachtermissionen nicht nur kostengünstiger sind, sondern
auch längerfristig zu stabilerem Frieden führen können als militärische Interventionen. Waf-
fenlieferungen in Konfliktgebiete hingegen laufen Gefahr, Kämpfe zu verlängern und schließ-
lich das Leid der Zivilbevölkerung zu vergrößern.
Ein weiteres grundlegendes Argument gegen die Waffenherstellung ist deren psychologische
Wirkung: Die bloße Anwesenheit von Waffen erhöht bewiesenermaßen die Aggressionsbereit-
schaft von Menschen (Berkowitz & LePage, 1967; Meiches, 2017).

Selbst wenn in Ausnahmefällen Waffenlieferungen gerechtfertigt scheinen, heißt das noch
lange nicht, dass Universitäten und Hochschulen bedenkenlos Kooperationen mit Waffenher-
stellern pflegen sollten. Waffen gelangen auf Umwegen auch dorthin, wohin sie nach deut-
schem Gesetz ganz sicher nicht landen dürfen, denn Export-Stopps werden durch Produktion
im Ausland oder Verkauf an Zwischenhändler umgangen. So lieferte Rheinmetall über die ita-
lienische Tochterfirma RWM Italia Bomben an Saudi-Arabien, die im Jemen-Krieg eingesetzt
wurden (ECCHR, 2018).

Schließlich wechseln insbesondere Kleinwaffen häufig auch die Seiten der Konfliktparteien.
Laut Amnesty International (2017) tauchen diese oft ein paar Jahre nach der Lieferung auf dem
Waffenmarkt auf und wandern von Miliz zu Miliz.

Manche Lieferungen sind aber auch legal und von der deutschen Regierung bewusst initiiert.
So landete im Gazastreifen unter anderem von Rheinmetall hergestellte Munition, obwohl Is-
raels völkerrechtswidrige Angriffe gegen Zivilisten mittlerweile auch von einer UN-Kommis-
sion als Genozid eingestuft wurden (OHCHR, 2025).

Wir brauchen dringend eine Zivilklausel

Die HWR möchte entschieden Nachhaltigkeit voranbringen.
Seit 2021 gibt es dafür ein Strategiepapier mit zahlreichen
Vorhaben rund um verantwortungsbewusstes Handeln in For-
schung, Lehre und Hochschulbetrieb. Nachhaltig sind jedoch
einige ihrer rund 700 Kooperationspartner nicht. Aber hat eine
Hochschule überhaupt die Möglichkeit, ihre Forschung und
Kooperationen in einem bestimmten Thema zu begrenzen?
Die Technische Universität (TU) Berlin und die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW)
Berlin zeigen gemeinsam mit zahlreichen Universitäten und Hochschulen in Deutschland, dass
es geht.
Durch eine sogenannte „Zivilklausel“ oder strenge Ethik-Leitlinien verpflichten sie sich, nicht
für militärische, sondern ausschließlich für friedliche und zivile Zwecke zu forschen.
Die HTW schreibt beispielsweise in ihren Ethik-Leitlinien für Forschung: „Die HTW Berlin
schließt Forschung zu militärischen Zwecken grundsätzlich aus und behandelt Forschungser-
gebnisse für einen zivilen Zweck, die gleichzeitig auch für militärische Zwecke genutzt werden
könnten, mit besonderer Sorgfalt (Dual-Use).“ (HTW Berlin, o.D.)
Richtlinien wie diese werden derzeit deutschlandweit angegriffen. Viele Universitäten und
Hochschulen blicken trotzdem weiterhin stolz auf ihren Einsatz gegen Forschung für militäri-
sche Zwecke. Sie zeigen: Kooperationen sind immer auch Entscheidungen. Auch die HWR hat
die Möglichkeit, Kooperationen mit Unternehmen, denen Beteiligung an Menschenrechtsver-
letzungen vorgeworfen wird, zu beenden.
Während wir auf der Tanzfläche versuchen, zu den monotonen Bässen wenigstens für einen
kurzen Moment die erdrückende Realität auszublenden, werden ein paar hundert Meter neben
uns Maschinen- und Sturmgewehre produziert.

„Die HWR hat die Mög-
lichkeit, Kooperationen mit
Unternehmen, denen Betei-
ligung an Menschenrechts-
verletzungen vorgeworfen
wird, zu beenden.“


Die Party schafft es nicht, von dem schalen Geschmack abzulenken, der nach diesem gruseligen
Fund bleibt. Wir hauen bald darauf schon ab, ich drehe mich noch ein letztes Mal zu den hell-
erleuchteten Buckeln der Fabrik um, die weiter fleißig produziert.
Krieg beginnt hier und er wird hier fortgeführt. Im Herzen von Berlin, von den Schreibtischen
und Parlamenten aus, mit und durch die Hochschulen und Universitäten. Das pazifistische Ar-
gument ist weiterhin notwendig, um für friedliche Konfliktlösungen zu sensibilisieren und den
Krieg als neue Normalität zu skandalisieren. Es ist noch nicht zu spät für eine Zivilklausel, liebe
HWR. Das wäre ein konsequenter Schritt in Richtung Nachhaltigkeit.

Mayla Sprenger, 22. März 2026

Quellenverzeichnis

Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (VENRO) (2026): Analyse zum
Bundeshaushalt 2026. URL: https://venro.org/artikel/bundeshaushalt-2026

Amnesty International (2017): Rheinmetall rüstet auf. Journal, April 2017. URL:
https://www.amnesty.de/journal/2017/april/rheinmetall-ruestet-auf

Berkowitz, Leonard und LePage, Anthony (1967): Weapons as Aggression-Eliciting
Stimuli. In: Journal of Personality und Social Psychology, Vol. 7, No. 2, S. 202–207.

Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC) (2026): Arms Exports. URL:
https://www.bicc.de/Arms_Exports

ECCHR (2018): Italien: Welche Verantwortung tragen Rüstungsfirmen und Behörden
bei Saudi-Arabiens Bombenangriffen im Jemen? URL: https://www.ecchr.eu/presse-
mitteilung/italien-welche-verantwortung-tragen-ruestungsfirmen-und-behoerden-bei-
saudi-arabiens-bombenangriffen-im-jemen/

HTW Berlin (o.D.): Leitlinien für die Forschung. URL: https://www.htw-berlin.de/for-
schung/forschungsprofil/leitlinien-fuer-die-forschung/

Meiches, B. (2017). Weapons, desire, and the making of war. Critical Studies on
Security, 5(1), 9–27. URL: https://doi.org/10.1080/21624887.2017.1312149

OHCHR (2025): Legal analysis of the conduct of Israel in Gaza pursuant to the Con-
vention on the Prevention und Punishment of the Crime of Genocide. Conference
room paper of the Independent International Commission of Inquiry on the Occupied
Palestinian Territory, including East Jerusalem, und Israel, Human Rights Council,
Sixtieth session.

Tagesspiegel (o.D.): Türkei setzt offenbar deutsche Panzer ein. URL: https://www.ta-
gesspiegel.de/politik/turkei-setzt-offenbar-deutsche-panzer-ein-5924239.html

TU Berlin (o.D.): Zivilklausel der TU Berlin. URL: https://www.tu.berlin/ueber-die-
tu-berlin/organisation/rechtliches/richtlinien-leitlinien/zivilklausel

Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (VENRO) (2026): Analyse zum
Bundeshaushalt 2026. URL: https://venro.org/artikel/bundeshaushalt-2026

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